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INDECT oder woher weiß der Staat, was ich übermorgen mache?

In den vergangenen Tagen haben sich die Meldungen in den Weltmedien überschlagen, Wikileaks – ein Wistleblowerprojekt, das mittlerweile wirklich jedem ein Begriff sein sollte (falls nicht hier eine Zusammenfassung) – hat mit der Veröffentlichung hunderttausender diplomatischer Depeschen einen Coup gelandet, der noch länger für Aufregung in den diversen Außenämtern und Regierungen sorgen wird.

Staatliche Geheimnisse vs. Privatsphäre

Auch wenn außer einigen sehr direkten Wahrheiten (die übrigens zutreffen) kaum brisantes Material darunter ist, so windet sich die Politik und wettert darüber, dass die Sicherheit der Staaten und überhaupt der globalen diplomatischen Kommunikation gefährdet sei. Was hochinteressant ist, denn – und deshalb möchte ich jetzt auch nicht näher auf den Nutzen oder die Gefahren von Wikileaks eingehen (ich persönlich sehe derzeit noch den Nutzen im Vordergrund) – beim Sammeln geheimer und hochprivater Daten der jeweiligen den einzelnen Staaten unterworfenen Subjekten ist man im Gegenzug gar nicht zimperlich.

DA gibt es in den USA unter Anderem die sog. Homeland Security (die mit dem Slogan „Preserving our Freedoms“ wirbt), den militärischen Nachrichtendienst NSA (mit seinem Wahlspruch „Defending our Nation. Securing the Future„, lt. Washington Post Kooperationspartner von Google…) und auch in Europa kleckert man nicht, wenn es um die Bespitzelung der eigenen (oder wahlweise fremden) Bürger und Bürgerinnen geht. Europäische Fluglinien liefern sämtliche Informationen und mehr an die USA, Datenschutz scheint dort ein Fremdwort, und wer den Bericht des Reisejournalisten Edward Hasbrouck liest, dem läuft es bisweilen kalt den Rücken runter.

Dabei gibt es von staatlicher oder auch öfters von privater Seite immer wieder die gleichen Einwände: wenn dir das nicht gefällt, flieg nicht in die USA, bzw. wer nichts zu verbergen hat, der sollte auch kein Problem damit haben, seine Daten herzugeben.

INDECT – oder #wtf?

Sollte er/sie aber doch, denn letztlich liegt die Deutungshoheit über das was als „problematisch“ oder gar „gefährlich“ eingestuft wird bei einer Entität, die keine Rücksicht auf persönliche Befindlichkeiten nimmt, sondern ihre Informationen aus Algorithmen bezieht, die sie selbst definiert. INDECT, zum Beispiel, ist eine derartige Entität. Ein von der Europäischen Union gefördertes Forschungsprojekt, welches sich ganz bescheiden die Sicherheit des Einzelnen auf die Brust heftet.

Was will INDECT? Bereits das ausformulierte Acronym „Intelligent information system supporting observation, searching and detection for security of citizens in urban environment“ (auf Deutsch in etwa: Intelligentes Informationssystem zur Unterstützung der Beobachtung, Suche und Ausfindigmachung zur Sicherheit der Bürger im urbanen Umfeld), weckt Erinnerungen an orwellsche oder sonstige dystopische Sci-Fi-Szenarien, vor allem weil es sich einer an totalitäre Systeme erinnernden Rhetorik bedient. Observation, Suche, Ausfindig machen…

Dem ist aber nicht genug, denn was INDECT beabsichtigt ist keine objektive (sofern man davon überhaupt sprechen kann) Auswertung von Daten, sondern eine so genannte „proaktive“ Linie. INDECT will nichts anderes, als Verdächtige ausfindig machen, noch bevor sie irgendetwas angestellt haben.

Das sich daraus nicht nur strafrechtliche (wo endet die straflose Vorbereitung, wo beginnt der Versuch?) sondern vor allem menschenrechtliche Probleme ergeben liegt auf der Hand. Denn wer definiert die Suchparameter, was gilt als verdächtig, was als harmlos? Wer legt fest was „abnormales Verhalten “ ist. Und vor allem, was passiert, wenn erst einmal jemand als verdächtig identifiziert wurde?

Wer suchet, der findet (manchmal)

Ich habe mich auf die Suche nach weiteren Informationen gemacht, um ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen. Hier das vorläufige Ergebnis:

Wer auf Europa.eu nach „Indect“ sucht erhält zunächst einmal folgende Meldung „In den Ergebnissen sind die offiziellen Dokumente aus EUR-Lex nicht enthalten“. Auf der Seite der Europäischen Kommission erhält man auch erst beim Durchsuchen der englischen Seite Zugriff auf eine PR-Broschüre namens „Securing the Future„. Wir wenden uns also an den Allwissenden – sprich Google – der findet auf Anhieb die Projektseite.

Wundert man sich dort zunächst, dass die Seite nur auf Englisch und Polnisch existiert, so erfährt man über den Tab „Partners„, dass 4 der Projektpartner aus Polen stammen, zählt man bei diesen Partnern weiter, so ergibt sich das interessante Verhältnis, dass 50% der am Projekt Beteiligten aus ehemaligen Ostblockländern kommen (Polen, Tschechische Republik, Slowakei, Bulgarien), in Anbetracht der Geschichte dieser Länder, nicht gerade vertrauenerweckend, aber gut: in dubio pro reo. Zwei Projektpartner sind übrigens aus Österreich.

Ethik – Schmetik

Interessant auch die Ausführungen zum Thema Ethik – man kann wohl gut und gerne von Unverbindlichkeit auf hohem Niveau sprechen. Die Tatsache, dass nur drei Personen auf dem sogenannen Ethics-Board projektunabhängige Personen sind, spricht ebenfalls nicht gerade für das Projekt, noch weniger die Zusammensetzung des Boards – darunter drei Polizeibeamte.

Die Europäische Union – gestartet als einzigartiges Friedensprojekt  – stellt für das Projekt mehr als 10 Millionen Euro zur Verfügung, die zur Verfügung gestellten Informationen sind eher spärlich, die aufgeworfenen Fragen mit Sicherheit nicht unberechtigt. Mag sein, dass ich misstrauischer als so mancher bin, ich bin aber der Meinung, dass eine gesunde Portion Skepsis noch niemanden geschadet hat, vor allem nicht, wenn es darum geht persönliche Rechte zu schützen und den Eingriff in die Privatsphäre so gering wie möglich zu halten.

Wenn sich also heute und in den nächsten Tagen demokratisch gewählte Politiker darüber aufregen, dass durch die Enthüllungen privater Plattformen wie Wikileaks Staatsgeheimnisse verletzt und ihre Arbeit behindert würden, so sollten die Bürger der betreffenden Staaten nicht weniger Wert darauf legen, diese Politiker bei der nächsten Datensammelaktion im privaten Umfeld lautstark genau daran zu erinnern. Und in Bezug auf INDECT, zum Beispiel, umfassende Informationen einzufordern.

Zusätzlicher Lesestoff:

Artikel in der Futurezone vom 3. September 2010

Artikel der Piratenpartei Deutschland vom 8. September 2010

Digitalks Anmerkung: Gastbeitrag geschrieben von Susanne Zöhrer in der Kategorie „Medien, Technologie und die Demokratie“.

15 Kommentare »

  • Hallo,

    vielen Dank für diesen guten Beitrag zum Thema INDECT!
    Weitere Informationen sind auf der (sich derzeit im Aufbau befindlichen) Website

    http://www.stopp-indect.info

    erhältlich.

    Viele Grüße,
    Roland Albert
    _________________________________
    INDECT Koordinator
    Piratenpartei Deutschland

    INDECT Coordinator
    Pirate Party Germany

    e: roland (dot) albert (at) piratenpartei (dot) de
    t: twitter.com/stoppINDECT

    http://www.stopp-indect.info
    _________________________________

  • Sonja Bettel sagt:

    vorigen Samstag gab es dazu einen Beitrag in Breitband / Deutschlandradio Kultur, nachzuhören hier: http://breitband.dradio.de/brb101127/

  • Projekt #INDECT unter Geheimhaltung? Antwort von Herrn Tajani im Namen der Kommission http://bit.ly/hPisD9

  • Elisabeth Dokaupil sagt:

    Sehr interessant, was unter dem Vorwand, uns zu schützen alles passiert. Werde das Thema weiter verfolgen.

  • Susanne sagt:

    @Roland- vielen Dank für das Lob, es freut mich, dass der Beitrag deine Zustimmung findet. Es muss eine Debatte über derlei Dinge geführt werden, das halte ich für ganz besonders wichtig. Den Link den du gepostet hast, werde ich mir auch noch ansehen.

    @Sonja, danke ebenfalls für den Link!

    @Mikolaj – ich habe nie davon gesprochen, dass das Projekt unter Geheimhaltung stattfindet, wohl aber, dass man darüber nicht gerade offensiv informiert. Und des weiteren, dass diese Informationssuche auch soetwas wie eine Holschuld der Bürger ist, was ich in Bezug auf das Projekt sehr kritisch sehe. Wenn eine Seite über ein Projekt, das alle Bürger und Bürgerinnen betrifft, nur in Englisch und Polnisch verfügbar ist, dann kann man diesbezüglich sogar von einem Vorenthalten von Informationen sprechen. Dass das Ethiks-Board nicht den herkömmlichen Best-Practice Standards in der Wissenschaft entspricht, muss ich wohl nicht mehr explizit erwähnen.

    @Elisabeth – danke – ich werde versuchen am Laufendend zu bleiben.

  • Susanne sagt:

    Was ich noch hinzufügen möchte – man kann mir auch auf Twitter folgen, ich bin unter dem Twitternamen TheSandworm zu finden und freue mich, wenn ich dort mit hilfreichen Informationen versorgt werde.

  • @Susanne – All relevant information of the INDECT project have been, are and will continue to be made publicly available on the project’s website (http://www.indect-project.eu/).
    The objective of the project is not „people search engine“ but „crime search engine“. The INDECT methodology imposes: First, detecting specific crimes (like: Internet child pornography, promotion of totalitarian symbols, trafficking in human organs, spread of botnets, viruses, malware as well as terrorism, hooliganism and thievery), and, only then, second, detecting specific criminals standing behind the detected crimes.
    The official language of the project is English and the project has resources for and is obliged only to publish information in English.
    I don’t understand the remark concerning the Ethics Board?

  • Susanne sagt:

    Dear Mikolaj,
    thanks for your clarification – however, regardless of the fact that your prime objective is a „crime search engine“ – content on the web is still mostly entered by people, and thus it really is in subsequence still a search engine for people’s actions on the web. This is especially problematic when it comes to crimes such as terrorism, hooliganism and the likes, because it will depend on how you define the crime, when you go looking on the web, whether it is being committed. What for example will be defined as a „terroristic act“ – the definition can be drawn narrowly or very broadly and whichever way you go, your search outcome will depend on that very definition.

    This being a project that is funded by the European Union, especially since it will search through databases concerning everybody who uses the web in the EU, I would hope it will be translated in all languages of the EU, so that everybody who is not capable of speaking English or Polish, can at least access the sparse information on the project.

    My remark about the Ethics-Board concerns first of all the fact that your ethics rules are basically standard PR-language, which I as a scientist cannot really take very seriously. Three of your board members are police officers, dealing with ethics questions that should be in the hands of people who are not associated with the project. Only one third of the board is manned with people not associated with the project, in my opinion, that is not what constitutes an unbiased ethics board.

    I’m grateful however for having this discussion, and I’d be pleased to continue an open debate about the project!

  • Dear Susanne,

    Thank you for reply.

    Of course, crime never happens by itself. There are always some people behind it. So sorry, if there is a crime, eventually there a name at the end of the investigation. No matter what kind of investigation methods are used. The project will develop necessary tools which will help police services to detect terrorism, serious crime and offenders quickly and efficiently. Current, manual methods will be replaced by innovative, semi-automatic technologies – still being in line with all national and EU legal regulations.

    Considering the Internet, I have an impression that you see INDECT as a Google-like Web spider, crawling and indexing the whole Internet, and hunting for crimes (and then: people). This is a misunderstanding. The example scenario is something like: the police officer is supposed to identify the users of a previously specified forum who use the forum to post pictures with child pornography. As the forum consists of hundreds of posts it is very time-consuming to traverse the forum manually. The Police officer (possibly after contacting the administrators of the forum) employs the INDECT crawler and orders it to crawl the portal with the task of finding the images containing child pornography. This will allow to identify the perpetrators. After that, thanks to cooperation with the forum administration it is possible to bring the perpetrators to custody.

    When we talk about other crimes, especially in the real-world environment, I believe that the definitions are rather clear. “Hooliganism” refers to unruly, destructive, aggressive and bullying behavior (source: http://en.wikipedia.org/wiki/Hooliganism, but of course national penal codes define this more accurately). “Unattended baggage” is a “terrorism threat” (just try to leave your backpack on an airport). Such behavior is being commonly detected using CCTV cameras. Of course as long as an operator does need not watch dozens of cameras as then he or she can miss some events easily. Here, INDECT is about to support an operator, to switch on an alarm, to flash a light over a given monitor, to say: “Hey, wake up, let’s watch this screen, something potentially dangerous is happening there!”. Of course, even though the threat detection and evaluation processes are done automatically, the final decision is always made by a human. Furthermore, as usually to detect threats, you don’t need to present faces to the operator, the system wants to protect the privacy of persons in the monitored area, by introducing an automatic photo-blurring of identities of the persons.

    Concerning the translation to languages… Please note that the project will not search within any real databases. This is a research project and its objective is to develop tools and methodologies. Their implementation is out of scope of the project. For research-only purposes, it is commonly agreed to communicate in English only. Please note that even if the project budget is relatively high, spending is well defined, with vast majority going to research work, leaving just a little for dissemination. Employing translators to all 22 EU languages, simply won’t fit within the budget. This is why, dissemination comes in English. As the coordinator is from Poland and some material origin in Polish, as a side effect, selected news are posted in Polish (this is almost “costless”). The news that origin in English, are posted in English only.

    Please note, that the European Commission publishes some general information on INDECT in various European languages.

    Possible implementation of INDECT results will belong to national authorities. I agree that then, full information should be provided in national languages.

    Thank you for clarification related to the Ethics Board. Honestly, I am not personally involved into this activity, so I am not able to discuss so much here. For sure, in my opinion, an existence of police officers in the board is justified. Don’t you think they’ve got a lot of ethical issues in their work? Don’t you think their experience and expertise is not valuable for an Ethics Board?

    I am also keen to discuss. I always try to make more than average effort in making the project information transparent. Anyway, I am sorry that my German is not good enough to respond in this language.

  • Meral sagt:

    Dear Mikolaj,
    thank you for your comment, our blog covers news about ongoing research and projects about new media, the future of work and future of education. We are keen on receiving in depth information about your project and glad that we could establish a discussion platform, we may publish another blogpost soon with new insights and extensions as we gather more and more information and will consider your comments in that post.
    Meral

  • Dear Meral,

    Sure, you can ask for more information. I am free to answer, of course subject to my knowledge and available time.

    Please; however, note that I am personally not the INDECT Project Coordinator. Therefore my messages represent solely my views and can not in any circumstances be regarded as the official positions of the INDECT Project.

    For those, please contact the consortium officially, for example via
    http://www.indect-project.eu/contact
    or
    http://cordis.europa.eu/fetch?CALLER=FP7_PROJ_EN&ACTION=D&DOC=1&CAT=PROJ&RCN=89374

    Regards,

    Mikołaj

  • Susanne sagt:

    Dear Mikolaj,
    thanks for your quick reply. I can follow most of your points, and of course, one should not ignore the fact, that crime-prevention is a necessity of daily life. However, there are still some major reserves I have over this project.

    Number one, the ethics board. Yes of course the insights of police officers are necessary, but one officer on the board should suffice, in my opinion. If you want to check what the police are doing, you wouldn’t necessarily ask the police to control themselves right? Also an ethics board should consist of people not working on the project, all else is biased, in my opinion.

    Number two – INDECT has several universities on board. I see the role of science in this EU funded project extremely critical. In this case, science is actually taking a part in a job, which is done by the police – an executive division of government. I’m concerned that science, which is based on the principle of neutrality, is acting as an extended arm of law enforcement in this case and I think that this should not happen.

    Again, thanks for your insight and your opinion, I do appreciate your participation in this debate very much.

  • Dear Susanne,

    Regarding the Ethics Board, as I have mentioned before, I am not personally involved into this activity, so I am not able to discuss so much here. What I can only comment is I believe it is important to have researchers working on the project in the Ethics Board – their role is to explain the technological details of the project to the rest of members. Currently there are two such persons in the Board.

    Regarding your second point, I understand you refer mainly to the INDECT composition of the consortium. Actually it is a regular way how Framework Programme 7 consortia are composed. The majority of partners come from academia. Anyway, the rest of group, smaller in terms of shares, yet still crucial, are industries (enterprises and SMEs, supporting exploitation) as well as end-users (here: police). And, believe me or not, my personal experience so far shows that results of “Security Projects” would be pretty much useless without continuous consultation with police officers. What I believed is an important research for police operational work and what learned by INDECT, are two completely different things.

    Kind regards,

    Mikołaj

  • Susanne sagt:

    Dear Mikolaj,
    I suppose we will not agree on the main points. I appreciate your input to the discussion very much, though I will never be convinced that science should be doing police work. Science can analyze police work and police shall be free to make use of the results, but the moment science works to produce an output – in this case a search engine for crimes aka criminals it will compromise its core responsibility, which is neutrality.
    Best,
    Susanne

  • Dear Susanne,

    So I think you are not referring to INDECT Project itself, but rather to the European Commission’s Security Research Programme:

    http://ec.europa.eu/enterprise/policies/security/index_en.htm

    This is basically a special funding for researchers to promote research with outcomes applicable directly for security services, including first responders (police, fire-fighters, EMS), border control (including FRONTEX), etc.

    INDECT Project is just one of dozens related projects funded within this Programme.

    One may discuss if we need such „security research“ funding in EU, if we have i.e. more general funding for ICT; however, my experience shows that outcomes of general ICT research projects are simply „too general“ for security services, and thus, inapplicable.

    Kind regards,

    Mikołaj